Ehrenamt als dankbare Aufgabe – Fühlt sich nicht wie Arbeit an

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Foto: Larissa Strangmann

Ehrenamt als dankbare Aufgabe – Fühlt sich nicht wie Arbeit an

In dem Moment wenn Ulrich Iserlohe die Tür zur Kopperhörner Mühle aufschließt, schießt ein Funkeln in seine Augen. „Andere spielen mit der Modelleisenbahn, und ich habe meine Mühle. [..] Es ist ein ganz besonderes Gefühl, hier wie der Herr im Hause zu sein. [..] Sowas hat einfach nicht Jeder.“ Nein – sowas hat wahrlich nicht jeder, und Iserlohe ist mittlerweile seit dreieinhalb Jahren ehrenamtlicher Müller der einzig verbliebenen Mühle im Wilhelmshavener Stadtgebiet und kann sich an diesem Moment erfreuen. Er bietet als Ehrenamtlicher die Möglichkeit dieses geschichtsträchtige Denkmal zu besichtigen.

Als der 56-Jährige vor vier Jahren seinen Schrebergarten abgab, war er auf der Suche nach einer neuen Freizeitbeschäftigung. An der Kopperhörner Mühle fuhr er schon damals häufiger vorbei und fragte sich stets, wieso sich die Flügel eigentlich gar nicht drehten. Aufmerksam wurde Iserlohe dann durch einen Artikel in der Wilhelmshavener Zeitung, in welchem zur Mithilfe in eben jener Mühle aufgerufen wurde. Nach einer ersten Besichtigung wurde sein anfängliches Interesse noch weiter gestärkt. Als dann durch Zufall ein Platz in einem Ausbildungs-Kurs frei wurde, zögerte Iserlohe nicht lange und begann kurzerhand die Ausbildung zum Freiwilligen Müller. Die ein oder andere Stunde bei Wochenend-Seminaren investierte er gerne, um seinen Traum, die Mühle einmal selber zum Drehen zu bringen, zu verwirklichen.

Knapp ein Jahr später schloß der Familienvater die Ausbildung erfolgreich ab und war von nun an ehrenamtlicher Müller. Den Moment, als Iserlohe erfuhr, dass er die Prüfung bestanden hatte, beschreibt er noch heute als einen ganz besonderen Momente: „Das war dann einfach eine Bestätigung, dass ich das Ganze verstanden habe; das hat mir Spaß gemacht.“

Heute öffnet er jeden Samstag von April bis Mitte November für Schaulustige und Schulklassen die Tür der jahrhundertealten Mühle. Wenn er die Führungen durch „seine“ Mühle macht und ins Gespräch mit den Besuchern kommt, dann kommt von ganz alleine in ihm eine besondere Begeisterung hervor, die er selber erst gar nicht gespürt hatte. Erst als er von Kollegen und Besuchern darauf angesprochen wurde, wurde Iserlohe selber bewusst, wie sehr ihn die Mühle in ihren Bann gezogen hatte.

Durch seine ehrenamtliche Arbeit in der Kopperhörner Mühle, hat Iserlohe aber auch eine ganz neue Seite an sich entdeckt: „Mir macht es ungemein Spaß, hätte ich selber nicht gedacht. Ich bin eigentlich eher ein Schreibtisch-Täter, bin Elektrotechniker, habe dann auch Konstruktions-Arbeiten am Computer gemacht. Jetzt direkt mit der Technik selber in Verbindung zu kommen, ist so eine Sache die mich wirklich fasziniert, und die ich selber nicht von mir nicht gedacht hätte. Den Leuten dann zu erzählen wie was funktioniert, was hier alles passiert, wie es früher mal war – das macht Spaß.“

Früher hatte Iserlohe durch seinen Sohn und den Beruf, keine Zeit um ein solches Ehrenamt auszuführen, Vereine hatten ihn damals sowieso eher abgeschreckt. Heute sieht er das alles etwas anders: „Und jetzt hier Ehrenamt? Das war dann auch ein klarer Fall!“, wie es selber sagt. Wenn die Kopperhörner Mühle in den Wintermonaten von Mitte November bis April geschlossen bleibt, nutzt Ulrich Iserlohe seine neugewonnene Freizeit und engagiert sich ebenso bei der Flüchtlingshilfe in Wilhelmshaven.

Auf die Frage was seine Lieblingsaufgabe in der Mühlesei, antwortet er kurz und trocken mit: „Schnacken.“ Fügt aber schnell hinzu: „Die Leute hier durch zu führen – das ist wirklich meine Lieblingsaufgabe. Kurz gefolgt vom Setzen der Segel“. Dafür muss Iserlohe die Flügel gerade stellen und an ihnen heraufklettern, um die Segel zu befestigen. Wahrlich keine Aufgabe für Menschen mit Höhenangst. Aber auch die kleinen Besucher, meist Schulklassen der Jahrgänge drei und vier, haben es Iserlohe angetan: die Kinder strotzen nur so vor Begeisterung und hier kann er mit ein bisschen Klönschnack besonderen Eindruck schinden. So freut er sich über jeden einzelnen Gast, der den Weg in die beschauliche Mühle in Heppens findet.

Und wenn dann an einem sonnigen Tag die Segel auf den Flügeln gespannt sind und sich die Mühle im Wind dreht, dann ist für Ulrich Iserlohe die Welt in Ordnung.

Niklas Oberbach

Samer al Bahra – Ehrenamt als Chance – Geflüchteter unterrichtet einen arabischen Sprachkurs

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Foto: Larissa Strangmann

Ehrenamt als Chance – Geflüchteter unterrichtet einen arabischen Sprachkurs

Samer al Bahra ist ein unscheinbarer Mann. Er spricht mit leiser Stimme, zurückhaltend aber freundlich. Bevor er an der Jade Hochschule einen Arabischkurs unterrichtete, arbeitete Samer al Bahra in seiner Heimatstadt Damaskus bei einem Fernsehsender.
„Unterrichten ist meine Stärke“, sagt er mit einem Leuchten in seinen Augen.

In Syrien bot er Sprachkurse für in Damaskus lebende Ausländer an. Wenn er von seiner Vergangenheit in Syrien erzählt, scheint es, als würde er von einem anderen Leben erzählen.

Samer al Bahra ist vor zehn Monaten aus Syrien nach Deutschland geflohen. Zusammen mit seiner Familie lebt er seitdem in Wilhelmshaven.
Dass er nun die Chance hat, Arabisch an der Jade Hochschule zu unterrichten, war reiner Zufall. Während einer Veranstaltung lernte er eine Mitarbeiterin vom Caritasverband Wilhelmshaven kennen. Diese stellte für ihn den Kontakt mit dem International Office der Jade Hochschule her.

Seit Anfang Oktober 2016 leitet Samer nun einen Arabischkurs mit sechs Teilnehmenden. Der Kurs ist für alle kostenlos. Samer hat viel zu erzählen, über die arabische Kultur und über seine Heimat. In seinen Kursen möchte er den Teilnehmenden nicht nur die Sprache vermitteln, sondern ihnen auch etwas über die Kultur des Landes beibringen. Musik spielt dabei für ihn eine große Rolle. In Deutschland kann er die Musik mit seinem Unterricht verbinden. In Syrien waren so freie Lehrmethoden nicht möglich. Dabei ist Musik für Samer etwas sehr Wichtiges, um eine Kultur zu verstehen: Meine Schülerinnen und Schüler müssen etwas über unsere Kultur wissen – sie müssen sie fühlen, um sie zu verstehen. Arabische Musik ist voller Emotionen und voller Traurigkeit. Wenn man die Musik versteht, versteht man auch die Sprache.“

Samer ist von den Ereignissen in seiner Heimat noch immer traumatisiert und es fällt ihm schwer, mit der Vergangenheit abzuschließen. Das Ehrenamt gibt ihm Kraft und eine Bestimmung, einen Weg, den er in seiner neuen Heimat Deutschland verfolgen kann. Er liebt es zu Unterrichten und das Gefühl, etwas zurückzugeben. „Das Leben verändert sich, wenn man ehrenamtlich arbeitet. Es ist eine wunderschöne Erfahrung“, sagt er stolz.
Samer ist dankbar für die Möglichkeiten, die sich ihm in Deutschland geboten haben. Gemeinsam mit seiner Frau träumt Samer davon, hier in Deutschland ein kleines syrisches Restaurant zu eröffnen. Unterrichten will er aber weiterhin. „Zu unterrichten – das ist mein Leben“, sagt er lächelnd.

Alexandra Bartau

Volker Prielipp – Schauspieler

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Foto: Larissa Strangmann

Volker Prielipp – Schauspieler

Langeweile kommt im Leben des 65-jährigen Volker Prielipp nicht auf. Er hilft bei der Landesbühne, steht manchmal sogar selbst auf der Bühne, oder nutzt die Gelegenheit für den ein oder anderen Kurzfilm vor der Kamera zu stehen. Und, dann gibt es ja auch noch die Wilhelmshavener Tafel!

Schnell wird klar, das Wilhelmshavener Urgestein scheint mit seinem Leben sehr zufrieden zu sein. „Ich bin ein positiv denkender Mensch. (…) Ich versuche zu allen Menschen möglichst freundlich zu sein.“, sagt Volker über sich selbst.

Der gelernte Sozialversicherungsfachangestellter ist offiziell Rentner, doch viel Freizeit bleibt ihm nicht. Er mischt immer gerne bei guten Projekten mit. Auch die „Südbar“ unterstützt er mit viel Zeit und Einsatz. Das Projekt, das tolle Kultur ins sonst leerstehende Gebäude bringt. Er will was tun für seine Stadt.
Zurzeit kann man Volker Prielipp am Set des Kurzfilms „Guten Tag“ entdecken. Der Kurzfilm ist ein Projekt von Studierenden des Studiengangs Medienwirtschaft und Journalismus der Jade Hochschule Wilhelmshaven. 
Der Vater von zwei Kindern spielt die Hauptrolle: Den alten griesgrämigen Witwer „Herbert“. Im Film entflieht er der Tristesse des Altenheims und reist nach Wilhelmshaven um endlich das Meer zu sehen. Doch auf dem Weg dahin bestätigt sich seine Lebenseinstellung, nichts und niemanden an sich heranzulassen. 
Verglichen mit dem eigentlichen Wesen von Volker Prielipp ist diese Rolle das komplette Gegenteil von ihm.

Es ist nicht das erste Projekt bei dem er seine schauspielerischen Talente vor der Kamera präsentiert, auch bei anderen studentischen Verfilmungen, wie zum Beispiel dem Kurzfilm „Zahltag“ wirkte er mit. Ehrenamtlich. Weil es toll ist, mit jungen Menschen an einem tollem Projekt zu arbeiten.

Naja, und bei der Tafel? „Ich möchte meine Freizeit einfach sinnvoll nutzen“, so Prielipp. Dafür sortiert er jeden Mittwoch Obst und Gemüse und bereitet es mit anderen Helfern für die Bedürftigen vor, denn ihm ist wichtig, etwas für andere Menschen zu tun.
Man merkt, er ist mit Herzblut dabei. Seiner Meinung nach sollten sich viel mehr Menschen ehrenamtlich betätigen, da viele gar nicht wissen, was sie mit ihrer Freizeit anfangen sollen. Und, so Prielipp: wenn man es nicht ausprobiert, dann erfährt man auch nicht dieses Gefühl, wie es ist, Anderen in jeglicher Art und Weise zu helfen.

Auf die Frage ob es etwas gäbe, was er schon immer mal machen wolle, antwortet er: „Eigentlich habe ich all das was ich machen wollte schon erreicht. (…) Ich bin mit meinem Leben zufrieden. Ich habe nicht viel, aber das was ich habe reicht mir aus.“

Sabine Gastmann vom Verein Schlüsselblume Wilhelmshaven

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Foto: Larissa Strangmann

Ehrenamt macht glücklich, weil . . . „man eigentlich nur davon profitieren kann“

Sabine Gastmann blickt mit 54 Jahren bereits auf eine lange „Karriere“ im Ehrenamt zurück. Über 25 Jahre war sie als Kommunalpolitikerin im Stadtrat von Wilhelmshaven aktiv, und genau so lange ist sie schon Mitglied im Verein Schlüsselblume. Seit zwei Jahren ist sie nun Vorsitzende der Schlüsselblume.

Hauptberuflich ist sie seit 27 Jahren bei der GPS Wilhelmshaven angestellt, das ist die gemeinnützige Gesellschaft für Paritätische Sozialarbeit. Davon ist sie 20 Jahre leitende Angestellte des heilpädagogischen Wohnverbunds. „Das sind Wohneinrichtungen für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung und starken Verhaltensauffälligkeiten“, erklärt Gastmann.
Zum Vorsitz der Schlüsselblume kam sie über Dritte. Sie wurde unter anderem vom Leiter des Jugendamtes darum gebeten, weil sich die Suche nach einem Nachfolger so schwierig gestaltete. Ein Grund dafür war die hohe Verantwortung, die finanzielle Situation im Blick zu halten.

Die Schlüsselblume ist ein Verein, der sich um Kinder kümmert, die Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch haben. Der Verein beschäftigt zwei Mitarbeiter, die als Berater tätig sind, und immer vor Ort oder telefonisch erreichbar sind. An Sie können sich Erwachsene, aber auch Kinder, Jugendliche, Lehrer, Erzieher und andere wenden, wenn sie den Verdacht eines sexuellen Missbrauchs haben.
„Die Schlüsselblume zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine Anlaufstelle ist, in der man erst Mal darüber sprechen kann, ohne dass irgendwas passiert. Wir sind also nicht verbunden mit der Polizei, und wir stellen auch keine Anzeigen, wenn die das nicht wollen. Das bedeutet, dass die Schlüsselblume eine Anlaufstelle ist, die sozusagen keine Barriere hat. Die Menschen können kommen und über ihre Erfahrungen sprechen. Wir stellen das nie in Frage, wir glauben immer, und beraten dann die einzelne Person, in welche Richtung es gehen kann“ erklärt Sabine Gastmann.

Die Hauptaufgabe, die sie hat, ist die Finanzierung und die Bekanntmachung des Vereins. Die Schlüsselblume benötigt jährlich bis zu 40.000 Euro, um ihre Ausgaben decken zu können, bekommt aber nur 7000 Euro Zuschuss. Jeweils 3500 Euro von der Stadt Wilhelmshaven, und 3500 Euro vom Land. Der ganze Rest muss durch Spenden gedeckt werden. “Wir sind schon immer auf Spenden angewiesen, und das ist auch im Grunde mein Hauptjob, immer wieder die Schlüsselblume und das Thema sexuellen Missbrauch bekannt zu machen. Einmal im Monat, alle zwei Monate halte ich Referate über die Schlüsselblume und gehe eben auch zu Spendenübergaben.“
Ihre schönsten Momente erlebte Gastmann beim Einsammeln von Spenden. „Das sind so Momente, ich hatte letztes Jahr eine Spendenübergabe von der Bundeswehr bekommen. Es war eine ganz besondere Spendenübergabe, weil alle so lebhaft über das Thema diskutiert haben.
Die Zusammenarbeit mit anderen Menschen und das Reden über sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen, was eigentlich ein Tabu-Thema ist, ist von großer Bedeutung, „wenn es Normal wird darüber zu sprechen, wenn es Normal wird, dass da Menschen sind, die sich mit dem Thema auskennen, dann wird es nicht mehr für Menschen, die eine Neigung haben, einfach sein, solche Übergriffe zu tätigen.“ Sie selbst ist mit diesem Thema über ihren Beruf bei der GPS sehr vertraut. „Wie früh und wie jung Kinder schon sexuell missbraucht werden, und das ist wirklich so, das ist, was mich unheimlich erschüttert“. Jährlich werden bis zu 50 Fälle sexuellen Missbrauchs bei der Schlüsselblume gemeldet, dabei sind die Betroffenen zwischen 0 und 18 Jahre alt.

Aber es gibt auch eine schöne Seite bei der Arbeit für die Schlüsselblume. Es wird viel positive Resonanz von der Umwelt entgegengebracht, „wo dann gesagt wird, toll dass du das machst und wenn man dann zu einer größeren Spendenübergabe eingeladen wird (…) das ist schon eine schöne Wertschätzung, die man erlebt“ erinnert sich Gastmann. Das ist auch ein Grund, warum sie sich so für den Verein engagiert, „ weil es Spaß macht. Es ist eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, es bringt einen mit ganz vielen anderen Menschen zusammen, und es bringt einen vielleicht auch mit Menschen zusammen, mit denen man sonst im Alltag nichts zu tun hätte.“
Soeke Heykes

Tobias Cassens vom DRK Jeverland-Schortens

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Foto: Larissa Strangmann

„Man lernt fürs Leben“

„Das schlimmste was man tun kann, ist nicht zu helfen“, sagt Tobias Cassens und der sympathische junge Mann wird dabei schlagartig sehr ernst. Seit sieben Jahren arbeitet der 23 Jährige ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz in seiner Heimatstadt Schortens und hat dabei schon viele Einsätze erlebt. Das Ehrenamt hat ihn beim Erwachsenwerden begleitet und sehr geprägt. „Dass man den Menschen helfen kann gibt einem persönlich sehr viel und es macht einen stärker“, versucht er zu beschreiben.

Als Teenager hat Tobias davon geträumt, bei der freiwilligen Feuerwehr mitzuhelfen. Als dann aber ein freiwilliger Erste-Hilfe-Kurs vom DRK in seiner Schule angeboten wurde, kam doch alles ganz anders. In der rund 40-köpfigen Mannschaft fühlte er sich sofort als Teil des Teams und auch heute noch ist das starke Gemeinschaftsgefühl ein Grund, wieso er dieses Ehrenamt so liebt.
„Am Anfang war es schon eine Herausforderung mit den Patienten umzugehen. Viele Menschen haben selber große Angst“, erinnert sich Tobias. „Aber mit der Routine kommt die Ruhe“, sagt er lachend.

Die Arbeit beim DRK beschreibt Tobias als sehr vielfältig. „Keiner muss hier etwas machen, was einem nicht gefällt. Wenn man beispielsweise kein Blut sehen kann, kann man in unser Technikteam wechseln.“ Und obwohl der Sanitätsdienst nur von Ehrenamtlichen lebt, gibt es auch hier Aufstiegschancen. Tobias selbst ist bereits ausgebildeter Rettungssanitäter und möchte in Zukunft auch eine Ausbildung zum Gruppenleiter machen. „Das Ehrenamt lässt sich auch sehr gut mit dem Studium oder dem Beruf vereinbaren“, sagt er. Tobias selbst studiert Meerestechnik an der Jade Hochschule.
Sich zu engagieren, das ist für Tobias sehr wichtig. „Man lernt fürs Leben. Durch mein Wissen und meine Arbeit konnte ich Menschen helfen und vielleicht sogar ihr Leben retten – das ist ein tolles Gefühl“, erklärt er mit einem Lächeln.
Für die Zukunft wünscht Tobias sich mehr Unterstützung für das DRK, denn momentan fehlt es dem Verband an Nachwuchskräften. „Alle Jugendlichen ab 16 Jahren sind bei uns herzlich willkommen. Ich hoffe, dass das Interesse an Ehrenämtern bei den Jugendlichen wieder zunimmt.“

Alexandra Bartau

Peter Rachow vom Tierheim Wilhelmshaven

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Foto: Larissa Strangmann

Ehrenamtliche Arbeit macht glücklich, weil . . . „man damit Teil eines Ganzen wird“

Peter Rachow fand es schon ganz gut, in Rente zu gehen. Doch schon nach kurzer Zeit hat es den heute 71-Jährigen Marketingmann wieder in den Fingern gekitzelt. Und so wurde schnell klar: eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung muss her. Tiere hatte er eigentlich immer. Also machten sich das Ehepaar Rachow auf den Weg zum Tierheim. Der Weg war genau der Richtige für sie.

Im Tierheim Wilhelmshaven bringt sich jeder nach Wissen und Fähigkeiten ein. So wie er oder sie kann. Viele gemeinnützige Organisationen können überhaupt nur dank ehrenamtlicher Mitarbeiter existieren, beim Tierheim ist es auch so! „Besonders imponiert hat mir ein Zitat von John F. Kennedy: ‚Frage nicht, was dein Land für dich tun kann. Frage, was du für dein Land tun kannst.'“ Es tut gut, selbst etwas zu tun. „Unsere Hunde, Katzen und anderen Bewohner fragen dich nicht, was du gelernt hast, was du sonst beruflich machst oder ob du im Vorstand sitzt.“

Vor rund 11 Jahren sind der Hesse und seine Ehefrau Gabriele an die Nordsee gezogen, um hier ihren gemeinsamen Ruhestand zu verbringen. „Leben zwischen Wald und Meer“, umschreibt er es.

Peter Rachow ist verantwortlich für alle Baumaßnahmen und Ansprechpartner für alle Ehrenamtlichen, doch im Tierheim werden dann auch mal die Gummistiefel angezogen. Helfende Hände werden an jeder Ecke gebraucht. „Hier packt jeder überall mit an, anders wäre die Arbeit gar nicht zu schaffen. Unsere Tiere müssen jeden Tag versorgt werden, ein Tierheim ist ein ‚7 Tage Betrieb‘.“ Jeder Tag ist anders und jedes Tier hat seinen eigenen Charakter. Auch Dickköpfe und Problemtiere haben ein Recht auf eine artgerechte Versorgung. „Kleinere Blessuren bleiben nicht aus“, so Rachow. Erst vor kurzem knappste ihm ein Hund beim Spielen in den Finger. „Passiert“, sagt er trocken, kann sich dabei aber ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen.

Manches geht aber auch an Rachow nicht spurlos vorbei. Unüberlegtes Anschaffen von Tieren oder das Abgeben von Tieren, die sich zum Teil seit Jahren in den Familien befinden, manchmal nur, weil die Tierarztrechnung zu hoch ist… all das stimmt ihn sehr nachdenklich. „Da hilft nur eine positive Grundeinstellung“, so Peter Rachow. Aber oft finden die Tiere ja auch ein neues Zuhause. Und das macht dann sehr, sehr glücklich.

Boris Krones

Sprachdozentin Suzi Tafla-Taki kümmert sich um Flüchtlingsprojekte

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Foto: Larissa Strangmann

Ehrenamt macht glücklich, weil… „man Menschen glücklich macht.“

Mit fünf Jahren selber aus dem Libanon vor dem Krieg geflüchtet, ist Suzi Tafla-Taki heute die helfende Hand für Flüchtlinge in Wilhelmshaven. An ihre eigene Flucht erinnert sie sich nur in Bruchstücken. In Deutschland angekommen, lernte sie schnell die deutsche Sprache und half schon als kleines Kind bei Übersetzungen.

Heute ist sie 33 Jahre alt, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie wirkt sehr ausgeglichen, herzlich und hat immer ein Lächeln parat. Suzi arbeitet seit Januar als Sprachdozentin und Übersetzerin an der VHS und kümmert sich dort um Flüchtlingsprojekte. Auch ehrenamtlich unterstützt sie Flüchtlinge rund um die Uhr bei Arztbesuchen, Übersetzungen und anfallenden Erledigungen. Flüchtlingskindern brachte sie bei sich zu Hause die deutsche Sprache bei. „Ich versuche den Leuten ein Stück zu Hause zu geben“, sagt Suzi.

Parallel dazu studiert sie an der Universität Oldenburg BWL mit juristischem Schwerpunkt. In ihrem stressigen Alltag wird sie kräftig von ihrem Ehemann und ihrer Familie unterstützt. Sie bezeichnet sich selber auch als einen totalen Familienmenschen.

Sie beschreibt sich als sehr ehrgeizig, aufgeschlossen und als einen sehr positiv denkenden Menschen.

Besonders reizt sie an der Aufgabe mit Flüchtlingen zu arbeiten, dass man den Menschen helfen kann. Sie, selber ein Flüchtlingskind, sei dabei das beste Beispiel.

Für ein weiteres Projekt des Familienzentrums West, bei dem Flüchtlinge und Deutsche jeden Montag zusammen kochen, engagiert sich Suzi auch.

Suzi hat viel zu erzählen und man merkt, dass sie liebt, was sie macht. Ihre Motivation:
„Dass ich sehe, diese Menschen machen Fortschritte. Es ist wie bei einer Mutter, die sieht wie ihr Kind laufen lernt“. Sie lobt die großen Fortschritte ihrer Kursteilnehmer und ist sehr stolz darauf, dass sich die jungen Leute und Kinder ohne große Einwände integrieren lassen und erwähnt: „Man darf ruhig Ziele haben, auch wenn man sich unsicher und hilflos fühlt, das heißt nicht, dass es immer so sein wird!“.

Suzi ist ein sehr emotionaler Mensch „Man leidet ja mit“, sagt sie. Die verschiedenen Geschichten berühren sie und sie erzählt von einem kleinen Jungen, den sie seit einem Jahr betreut und dem die Abschiebung droht. „Ich wäre sehr traurig, wenn diesen Leuten etwas passieren würde.“

Einer ihrer schönsten Momente war, als ein Teilnehmer seine Familie auf sicherem Weg nach Deutschland holen konnte. „Ich hätte die ganze Welt umarmen können“, so Suzi mit einem Lächeln.

Auf die Frage, wieso sie anderen ehrenamtliche Arbeit nur ans Herz legen kann, antwortet sie: „Ich glaube es tut der Seele gut“.

Für ihre Zukunft wünscht sie sich nach ihrem Abschluss eine Position, in der sie etwas bewirken und verändern kann.

Seit der Arbeit mit Flüchtlingen fühlt sie sich erfüllter und zufriedener. Sie sagt: „Ich habe das Gefühl, ich bin irgendwie zufriedener mit mir“.

Sabrina Schultze

Kurt Bernert fotografiert Schweinswale im Jadebusen

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Foto: Larissa Strangmann

Ehrenamt als Lebenseinstellung

Kurt Bernert ist neu in Wilhelmshaven, aber irgendwie auch schon mitten drin. Erst vor knapp einem Jahr zog es den gebürtigen Salzgitteraner an den Jadebusen.

Als der 67-Jährige im Frühjahr 2016 von seinem Bekannten Michael Hillmann das erste Mal mit auf die Suche nach Schweinswalen genommen wurde, war Bernert direkt fasziniert von der kleinsten in freier Wildbahn lebenden Waltierart. In der Folge bildete sich eine Gruppe aus sechs Leuten, die die gleiche Leidenschaft an Schweinswal-Beobachtung, Natur und Fotografie teilen. Sie informierten sich gegenseitig, wenn Schweinswale gesichtet wurden und fahren dann gemeinsam an die Küste, um Aufnahmen von den Walen zu machen.

Kurzerhand entschied sich die Gruppe, ihre Aufnahmen auszustellen und ging auf Sponsorensuche. Bernert betont, dass es keinesfalls kommerziell werden sollte; so wurden etwa keine monetären Spenden angenommen. Rein sachliche Spenden, wie zum Beispiel der Druck der Fotos in Großformat, wurden hingegen mit einem großen Dankeschön entgegen genommen. Es ging einzig darum, den Menschen die – aus ihren Augen – schönen Seiten von Wilhelmshaven vor Auge zu führen. „Wir machen das für die Leute, um zu zeigen wie schön Wilhelmshaven sein kann und ist. [..] Wilhelmshaven hat so viel Potenzial, dass man ausschöpfen könnte, wenn man es wollte.“

Und dieser Plan ging auf: die Gruppe erfuhr durch ihr Projekt von Wilhelmshavenern, aber vor allem auch von Touristen durchweg positive Resonanzen. Viele Besucher, von inner- wie außerorts, wussten nichts von dieser Attraktion, die sich quasi direkt vor ihren Augen abspielte. Die Schweinswale haben nämlich keinerlei Berührungsängste und trauen sich nah an die Deiche, Molen, Kaimauern und auch an Schiffe heran – einzig muss man wissen wann sich die Wale in diese Gebiete begeben. Dazu gehört bekanntermaßen ein Quäntchen Glück und etwas Geduld. Aber auch wenn die Gruppe mal keine Wale zu Gesicht bekam, störte das Bernert wenig: „Ja, dann hat man nichts gehabt. Aber man ist an der Luft gewesen, und man hat viel erlebt. Man hat dann die Vögel fotografiert, die Kormorane, die ja wirklich sehr interessante Tiere sind. Oder wenn sich mal ein Seehund mit einer Möwe um einen Fisch gestritten hat – das sieht man dann so alles.“

Doch warum eigentlich der ganze Aufwand – nur aus Freude an der Natur und Fotografie? „Ich will damit auch zeigen, dass man als Neuankömmling, als Rentner oder als Bürger auch was in die Wege leiten kann, und etwas für Wilhelmshaven zu tun. Wir müssen nicht immer nur auf Wilhelmshaven schimpfen, [..]. Wir haben hier in Wilhelmshaven tolle Ecken – innerhalb von wenigen Minuten ist man in der Stadt, am Meer oder draußen auf den Feldern. Man kann hier sehr viel machen und sehen.“ So setzt sich Bernert auch für den Erhalt und Schutz und Natur ein: bei jeder Fahrt an die Küste sammelt die Gruppe auch Müll von den Wegen und Deichen der Region.

Für die Zukunft wünschst sich Bernert einen Ort, wie etwa eine Galerie, in der Künstler ihre Arbeit präsentieren und ausstellen können, ohne Geld dafür bezahlen zu müssen. Denn auch in Zukunft will Bernert die schönen Seiten von Wilhelmshaven aufzeigen und verbreiten. Und auch dann wird es gemäß seines Mottos laufen: „Entweder mach ich was ganz oder gar nicht.“

Niklas Oberbach

John Niemann von der Wilhelmshavener Hafenwirtschafts-Vereinigung e. V.

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Foto: Larissa Strangmann

Ehrenamt macht glücklich, weil… „es einen erfüllt und Erfolg hat“

Büroräume, Besprechungen und stets korrekte Kleidung: damit verbindet wohl kaum jemand ein Ehrenamt. Doch, dass auch Hafenwirtschaft ein Feld für das Ehrenamt ist, dafür steht John H. Niemann wie kaum ein anderer.
Der 69-jährige ist unter anderem Gründungsmitglied und Präsident des ehrenamtlichen Vorstandes der Wilhelmshavener Hafenwirtschafts-Vereinigung e.V. Aufrecht sitzt er in seinem Besprechungszimmer und richtet die vor ihm liegenden Papiere gerade aus, streicht alles glatt.

Dann beginnt er zu erzählen: über seinen beruflichen und privaten Werdegang, seine Überzeugungen und Wünsche, von Projekten in Millionenhöhe – Ehrenamtlich durchgeführt und umgesetzt. Teilweise investiert John H. Niemann bis zu 30 Stunden pro Woche in seine ehrenamtlichen Aufgaben. „Das ist natürlich nur möglich, weil ich zusätzlich eine hauptamtliche, gut funktionierende Firma hatte und im Verein ein tolles Team aus ebenfalls ehrenamtlichen Vorstandskollegen und einem hauptberuflichen Büroteam im Rücken habe“, betont er.

Angetrieben wurde er schon immer von einer gewissen inneren Unruhe: „Ich brauche immer neue Herausforderungen und bin ein neugieriger Mensch“, sagt er über sich selbst.
Eine solche Herausforderung hat sich der gebürtige Bremer auch in Wilhelmshaven gesucht, in der Stadt, in der er ursprünglich nur der Liebe wegen geblieben ist. Sein Ziel war und ist es, dass „die graue Stadt ohne Visionen“ wirtschaftlich gesund wird und ein maritimes Bewusstsein erlangt. Aus diesem Wunsch heraus, gründete er 1985 – gemeinsam mit wilhelmshavener Unternehmern – die Wilhelmshavener Hafenwirtschafts-Vereinigung e.V. und hat seitdem zusammen mit seinem Team diverse Projekte in Angriff genommen.

Besonders am Herzen liegt ihm der JadeWeserPort, an dessen Idee, Planung und Realisation er maßgeblich beteiligt war. Im Rahmen dieses Projektes hat John H. Niemann außerdem die für ihn persönlich größten Erfolge gefeiert. „Ich hatte Tränen in den Augen“, sagt er über die JadeWeserPort-Entscheidung im Jahr 2001.
Bei so großem ehrenamtlichen Einsatz kommt das Privatleben zwangsläufig zu kurz. „Unsere Frauen haben sich gegenseitig angerufen und sich gefragt, wo wir wieder stecken“, meint er schmunzelnd über seine besonders stressigen Jahre. Trotzdem erzählt er sehr positiv gestimmt über diese Zeit, betont aber, dass das alles ohne so ein gutes Team wie er es gehabt habe und hat niemals so erfolgreich geworden wäre.

Auf die Frage, was ihn in seiner ehrenamtlichen Tätigkeit antreibt, antwortet er ohne zu zögern: „Mein Leben kann nicht alleine daraus bestehen gut zu essen und zu reisen. Ich habe eine Verantwortung der Gesellschaft gegenüber, denn ich habe Kinder in die Welt gesetzt. Das Glück, das mir in meinem Leben beschert worden ist, möchte ich gerne weitergeben.“

Anika Drees

Franziska Gardimov vom Lieblingstreffpunkt der GPS in Wilhelmshaven

lieblingstreffpunkt-gps-wilhelmshaven-franziska-gardimovFranziska Gadimov – Kochen im Lieblings.Treffpunkt der GPS

„Vor einem Jahr habe ich der Flüchtlingshilfe Spenden gebracht und dachte, da bleib ich doch gleich hier.“ So spontan begann Franziska Gadimov ihre ehrenamtliche Arbeit.

Mittlerweile hilft die 29-Jährige nicht nur einmal wöchentlich bei der Kleiderkammer der Flüchtlingshilfe, sondern außerdem bei einem kostenlosen Kochtreffen für Flüchtlinge, bei dem landestypische Gerichte gekocht und anschließend gemeinsam gegessen werden.
Bereits um 10 Uhr morgens treffen sich die Teilnehmer im Lieblings.Treffpunkt der GPS, einem inklusiven Treffpunkt mit vielen Angeboten wie Work-Shops oder Events, der sich in der Marktstraße 101 befindet.

Es duftet nach frisch zubereitetem Pfefferminztee, der jeden Morgen als erstes getrunken wird. Nach und nach kommen die Teilnehmer an. Sie besprechen den bevorstehenden Einkauf und zeigen sich mit Vorfreude Fotos der geplanten Mahlzeit. Diesmal gibt es Dolma, mit Fleisch und Reis gefüllte Weinblätter. „Wir verständigen uns dabei in verschiedenen Sprachen oder einfach mit Händen und Füßen“, erzählt Franziska mit einem Lächeln.

Der Einkauf wird in verschiedenen kleinen orientalischen Geschäften, wie einem Halal Metzger erledigt, bei dem das Fleisch auf spezielle Weise geschlachtet wird. „Wir versuchen diese kleinen Geschäfte zu unterstützen“, erklärt sie.
Wieder im Lieblings.Treffpunkt angekommen arbeiten die Frauen gemeinsam sehr organisiert. „Das ist aber nicht immer so“, erzählt Franziska lachend, „hier ist oft großer Trubel.“ Geplant wird das Essen meistens für 10 Personen, allerdings kommen am Ende manchmal bis zu 25 Personen. „Dann kochen wir einfach mehr Reis und verlängern die Soße, da haben wir schon Übung drin.“

Während des Kochens wird auch immer Deutsch gelernt. Besonders Begriffe wie „Sparschäler“ oder „Kreuzschraubenzieher“ sorgen dabei für Gelächter. Auch die Ehrenamtlichen lernen immer wieder neue Dinge über die unterschiedlichen Kulturen und Essgewohnheiten. 
Es wird aber nicht nur über das Kochen geredet. Die Teilnehmer können auch Probleme, beispielsweise mit Ämtern, ansprechen. Franziska und ihre Kollegen haben immer ein offenes Ohr, „selbst wenn es nur die Kleinigkeiten sind, die im Alltag nerven.“

Bei der Frage nach dem schönsten Moment kann Franziska sich schwer entscheiden. Besonders freue sie sich darüber, die Leute glücklich zu sehen. „Ganz viele von ihnen habe ich schon begleitet, als sie mit dem Bus von der Grenze in die Notunterkunft kamen. Jetzt sehe ich die Leute ankommen. Ihre Kinder reden und lachen auf Deutsch.“ Pia Eilers